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Manchmal fragt er, ob wir verheiratet sind . . .

Alzheimer: In Hamburg leben 23 000 Menschen mit der Demenz-Krankheit, bei der allmählich die Erinnerung abstirbt. Harald und Beate Wegener wollten noch viel reisen. Doch dann begann bei ihm der geistige Verfall. Schon erkennt er sein Enkelkind nicht mehr. Eine Geschichte von Abschied - und einer Liebe, die auch in schlechten Tagen trägt.

Beate Wegener (65) mit ihrem kranken Mann Harald (75)Der Alleinunterhalter steht auf einem Podest und stellt sein Keyboard ein. Es ist Nachmittag, die Sonne scheint in den Saal. Er möchte ein paar langsame Walzer, Tango und die eine oder andere Polka spielen. Für zwei Stunden bringt er außer seinen Schlagern und der professionellen guten Laune noch etwas anderes mit: ein wenig Normalität.

Beate Wegener (65) trägt ein rotes Oberteil, sie lächelt gelegentlich und hat schöne Augen. Sie sitzt neben ihrem Mann Harald (75) an einem gedeckten Kaffeetisch. Sie sagt: "Manchmal fragt er mich, ob er verheiratet ist." Dann befinde sich Harald in den 70er-Jahren, als er Junggeselle war. Er möchte dann auch zurück in seine alte Wohnung, in die, in der er allein gelebt hat, ohne sie.

Beates Mann hat Alzheimer, in seinem Gehirn sterben Nervenzellen, langsam. Eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt, seit 100 Jahren nicht, seit ihrer Entdeckung. Es gibt Medikamente, die das Vergessen hinauszögern, aber nicht aufhalten.

Es ist Tanztee im Saal des Seniorenheims St. Markus an der Gärtnerstraße. Alle zwei Monate kommen hier Alzheimer-Patienten und ihre Angehörigen aus ganz Hamburg zusammen, um unbefangen zu feiern. Die Stiftung Alzheimer Gesellschaft Hamburg veranstaltet das "Klöncafé mit Musik und Tanz". Beate und Harald sind zum ersten Mal da, sie haben sich schick gemacht.

"Möchtest du Kaffee?", fragt Beate. Er hält ihr seine Porzellantasse entgegen, sie schenkt ihm ein, dann noch etwas Milch und ein Stück Zucker.

Das ist alles ganz normal, und normal ist wie früher. Denn keiner schaut sie länger als nötig an. Selbst wenn Harald seine Tasse fallen lassen würde, es würde hier niemanden überraschen, und es müsste Beate auch nicht peinlich sein. Sie sind an diesem Nachmittag nichts Besonderes, sie sind ein Paar unter anderen.

In der öffentlichen Wahrnehmung spielt Alzheimer bislang kaum eine Rolle, obwohl es in Deutschland rund eine Million Demenzkranke gibt; 60 Prozent davon sind Alzheimer-Fälle. "Dement" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt "weg vom Geist" oder "ohne Geist". Und weil die Wahrscheinlichkeit, dement zu werden, mit dem Alter steigt und die deutsche Bevölkerung immer älter wird, soll es im Jahr 2050 schon zwei Millionen Demenzkranke geben, doppelt so viel wie heute. In Hamburg leiden daran 23 000 Menschen. Obwohl es so viele Fälle gibt, findet die Krankheit nicht öffentlich statt, die Betroffenen ziehen sich zurück, aus Scham, aus Unsicherheit. Zu schwer ist es, den Kontrollverlust und den geistigen sowie körperlichen Verfall zuzugeben. Sie bleiben allein, sozial und in ihrem Kopf, Tag für Tag ein wenig mehr.

An Nachmittagen wie diesen, auf dem Tanztee, ergreifen 26 Gäste, eine kleine Gruppe Betroffener, die Chance, zurückzukehren aus der geistigen Isolation, für zwei Stunden. Und nicht nur jemand wie Harald Wegener, auch seine Frau Beate kann zurück ins Leben, in ihr altes, normales, unter Leute.

Sie schiebt ein Stück Kuchen mit dem Tortenheber auf seinen Teller. Beide hören der Orgel zu. Nach dem Kuchen möchte Harald tanzen.

Während er isst, erzählt sie von ihrem neuen Leben, ihrem Leben mit der Krankheit. So, als ob nicht nur Harald krank ist, sondern auch sie. "Alzheimer", sagt sie, "beginnt langsam, man merkt es nicht." Dass mit Harald etwas nicht stimmt, hat sie zum ersten Mal vor zweieinhalb Jahren auf der Hochzeit ihrer Tochter bemerkt. "Er hat gar nicht mitgefeiert und saß nur dabei." Sie schaut ihn an und wartet. Harald sitzt neben ihr, sein Oberkörper ist nach vorn gebeugt, ihm fehlt die Spannung. Er reagiert nicht auf sie und zerteilt eine Erdbeere mit seiner Kuchengabel.

Nach der Hochzeit ihrer Tochter sind sie zum Arzt gegangen. Das war zuerst ein Schock, und etwas später eine Enttäuschung. "Alzheimer", hatte ihr der Arzt gesagt, "das kann jeden treffen." Sie hatte sich ihren Lebensabend anders vorgestellt.

Reisen wollten sie, so wie früher mit dem Wohnwagen durch Italien. "Aber das geht nicht mehr." Harald kann kein Auto mehr fahren, und außerdem erträgt er es nicht, an fremden Orten zu schlafen. Fremd ist inzwischen fast alles. Dazu gehören auch die Besuche bei ihrer Tochter Sylvia und ihrem einjährigen Enkelkind. Harald erkennt die beiden nicht. Beate besucht sie nun einmal im Monat allein, ohne Harald. Die wenigen gemeinsamen Ausflüge sind kurz. Beate fährt Auto, nach Travemünde, zum Spazierengehen am Strand oder ins Einkaufszentrum. Er folgt ihr dann, macht alles so wie sie, fasst die Bluse an, die sie angefasst hat. Fühlt den Stoff. Sie machen Ausflüge in die Damenabteilung, keine Reisen nach Capri mit Sonnenuntergang.

Vor 30 Jahren, als sie sich kennenlernten, war Beate technische Angestellte und Harald selbstständiger Glaser, und es ging schnell mit ihnen. Er lauerte ihr mit seinem Lieferwagen auf, wenn sie ihre Tochter zum Kindergarten brachte, kurbelte das Fenster runter und fuhr neben ihr her. Er war witzig und forsch, das hat ihr gefallen. Heute fehlt ihr, dass was von ihm kommt. Dass er mal was zu ihr sagt. Dass er Gefühle zeigt.

Sie befürchtet, dass irgendwann sein Gedächtnis weiter zurückgeht, in die 60er oder sogar in die Zeit, als er ein Kind war. Möglich ist auch, dass er verlernt zu sprechen, jeglichen Antrieb verliert und auch seine Frau nicht mehr erkennt. Schon jetzt redet er wenig. "Bella, bella, bella Marie, vergiss mich nie", der Alleinunterhalter singt mit viel Herz und nicht mehr allein, die Gäste singen mit. Auch Harald, der immer gern gesungen hat. Für ihn ist die Zeit der 70er wieder da, für die vier Minuten, die das Lied dauert. Harald wiegt im Sitzen seinen Oberkörper, er fühlt die Musik, sie berührt ihn. Beate erhebt sich vom Stuhl und hakt ihn unter, langsam gehen sie in die Mitte des Saales. Stellen sich in Position, und mit einem leichten Ruck beginnt ihr Tanz.

Mit ihnen sind vier Paare auf dem hellen Parkett. "Adelheid, Adelheid, schenk mir einen Gartenzwerg", ein Schlager mit einem schnellen Takt. Die Füße von Harald und Beate bewegen sich synchron, wie früher, als es selbstverständlich war. Harald tanzt leichtfüßig, eine Fähigkeit, die Beate von ihm geblieben ist, noch.

Geht er einen Schritt vor, folgt sie ihm. Seine Hand liegt auf ihrer Taille. Es ist diese Hand, die sie führt. Zieht die Hand sie zu sich, gibt Beate nach. Beim Tanzen gibt er die Richtung an, sonst trifft sie die Entscheidungen. Sie sieht geschmeichelt aus, ihr Mann ist zurück, im Hier. Sie sind ein normales Paar unter anderen, aber eines das glücklich aussieht.

Als sie sich wieder setzen, nimmt Harald ihre Hand. Er ist jetzt da.

Harald hat heute einen guten Tag. Er ist nicht aggressiv. Wenn er "böse" ist, wie Beate sagt, bekommt er Medikamente, die ihn beruhigen. Als sie noch nicht wussten, was Harald hat, haben sie sich oft grundlos gestritten, er regte sich schnell auf. "Das ging bestimmt ein Jahr", sagt Beate und streichelt seine Schulter. Sie ist geduldig und verzeiht ihm seine Ausbrüche. Das schafft sie nur, wenn sie sich erinnert, dass Harald immer noch ihr Mann ist, auch wenn er sich nicht so verhält. "Er ist . . . " - sie zögert, ob sie das sagen darf, aber sie spricht es aus, um ihre Beziehung zu erklären: "Er ist wie ein Kind."

Um ihm zu helfen, wenn er die Orientierung verliert, hat Beate in ihrer Wohnung Bewegungsmelder angebracht. Lampen die leuchten, wenn er nachts aufsteht und nicht weiß, wo er ist. Nicht weiß, wo der Lichtschalter ist und wie man ihn bedient. Sie haben getrennte Schlafzimmer. Harald wollte das, er sagte, er würde so besser schlafen. Das Licht weckt sie, wenn Harald ihr "verloren" geht, so nennt sie das. Er bleibt dann mitten im Flur stehen und rührt sich nicht.

Harald war früher anders, gesellig. Er hatte Freunde. Sie hatten Freunde. "Die können nichts mehr mit uns anfangen", sagt Beate. "Sie tun zwar so, als ob wir noch die Alten wären, aber das sind wir nicht mehr."

Um nicht immer nur mit ihm zu sein, bringt sie ihn montags und donnerstags zur Tagespflege. Das kostet pro Tag 63 Euro, Beate zahlt 20 Euro und den Rest die Pflegeversicherung. Öfter möchte sie ihn nicht anderen anvertrauen, weil sonst noch mehr Orientierung und Erinnerung bei ihm verloren ginge. Denn was ist ein Mensch noch ohne Erinnerungen? Wie viel alter Harald?

Am Donnerstag geht sie gern zum Sport. Weil sie, wenn Harald da ist, keine Zeit hat. Sie versorgt ihn und macht den Haushalt. Das ist ihr Alltag, ohne Unterstützung, ohne Zuspruch.

Ob sie noch ein Liebespaar sind? "Die Liebe ist da, aber ein Liebespaar? Nein", sagt sie. Aus ihrer Liebe ist Fürsorge geworden, seine zeigt sich in Berührungen und stillen Zeichen. Irgendwann, das verdrängt sie, geht es vielleicht nicht mehr, kann sie ihn nicht mehr versorgen.

Gewissen hätte. Und wie soll sie das bezahlen? Seine Rente wäre dann weg, dann ihre Ersparnisse, später müsste das Sozialamt einspringen. Und was wird aus ihr? Wenn sie mal alt ist?

Harald singt mit dem Alleinunterhalter "Kornblumenblau, ist der Himmel am herrlichen Rheine. Kornblumenblau, sind die Augen der Frauen beim Weine."

Dann wendet er sich Beate zu und sagt etwas: "Dich gibt es nur einmal für mich."

Diana Zinkler

Quelle: Hamburger Abendblatt vom 23.08.2006, Seite 3

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