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Der lange Abschied

Alzheimer ist eine Volkskrankheit. Noch heute wird sie vielfach bagatellisiert und gleichgesetzt mit dem normalen Alterungsprozess - ein Fehler.

Liest man den Erfahrungsbericht von Frau Schröder*, dann glaubt man, die 72-Jährige spricht vom Leben mit einer seltenen, ansteckenden, geächteten Krankheit.

"Für uns Angehörige ist es so wichtig, diesen vertrauten Ort zu haben, wo wir weinen und lachen dürfen. Beim Weinen erhält man Trost und beim Lachen erfährt man, dass Situationen mit unseren Kranken sehr komisch sein können, wir nie ausgelacht werden, sondern uns miteinander freuen und so Stärkung erhalten. Das brauchen wir sehr, denn unser Weg ist ein Weg voller Abschiede, und das tut weh. Aber gemeinsam kann man das besser aushalten und so wünsche ich uns, dass wir uns auch weiterhin nicht zu verstecken brauchen, sondern in solchen Gruppen zusammen sein dürfen."

Frau Schröder spricht von Alzheimer. Mehr als 23.000 Hamburger leiden an einer demenziellen Erkrankung; ein Großteil davon zeigt Symptome der 1906 von Alois Alzheimer erstmalig diagnostizierten Krankheit.

Alzheimer schwächt das Gedächtnis - Desorientierung, Antriebslosigkeit und depressive Verstimmungen folgen. Schließlich wird die gesamte Motorik in Mitleidenschaft gezogen, der Patient zum Pflegefall.

Da Alzheimer meist alte Menschen befällt, wird die Krankheit häufig als geriatrische Bagatelle kleingeredet. Großvaters "Tüdeligkeit" ist für viele eine direkte und unvermeidliche Folge hohen Alters. Bitter, aber nicht im eigentlichen Sinne tragisch.

Alzheimer bewirkt jedoch eine krankhafte Veränderung des Gehirns, weit über den natürlichen Alterungsprozess hinaus. Die Ursachen sind bisher ebenso ungeklärt wie ein wirksamer Therapieansatz.

Das Bedrückende an Alzheimer ist neben der Ausweglosigkeit vor allem die psychische Veränderung der Erkrankten. Sie werden aggressiv, depressiv, schimpfen, weinen, erkennen ihre Partner oder Kinder nicht mehr. Betroffenheit und Ohnmacht bei den Angehörigen sind die Folge, häufig auch der Drang, die Krankheit gegenüber Dritten zu verheimlichen.

Die Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. versteht sich daher als Informationsstelle und Selbsthilfeorganisation für Kranke und deren Angehörige. Ehrenamtliche Mitarbeiter geben über eine Hotline erste Informationen, eine persönliche Beratung kann folgen. Wichtig für pflegende Angehörige sind die Betreuungsgruppen. Pflegekräfte und Ehrenamtliche betreuen hier eine kleine Gruppe von Demenzkranken über mehrere Stunden und verschaffen so den Angehörigen die bitter nötige Verschnaufpause. Viele nutzen diese Pausen, um sich in einem Gesprächskreis mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

Um diese und andere Angebote langfristig zu sichern, gründete ein pflegender Angehöriger 2001 die Stiftung Alzheimer Gesellschaft Hamburg - angesichts unsicheren Spendenaufkommens ein notwendiger Schritt.

Die Diskrepanz zwischen Mittel und Bedarf ist im Fall der Alzheimer Gesellschaft riesig. Gemessen an der Zahl der Erkrankten müsste die Stiftung ein millionenschweres Versorgungswerk sein - tatsächlich aber beträgt das Stiftungskapital lediglich 40.000 Euro, dementsprechend gering sind die Zinserträge.

Vorerst bleiben daher nur Träume, wie der von Frau Törper, Tochter einer Demenzkranken: "Ich wünsche mir ein Haus für Demente mit einem Garten, in dem der Wechsel der Jahreszeiten und das Treiben in der Natur beobachtet werden kann. Und ich wünsche mir, dass in diesem Haus Angehörige einbezogen werden und alle Beteiligten an einem Strang ziehen, nämlich den Dementen ein würdevolles und ausgefülltes Leben zu ermöglichen."

* Alle Namen von der Redaktion geändert

Quelle: Schümanns Hamburger · Die Stiftungen (Band 12, 2006), Seite 48

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